Podiumsdiskussion zur EU-Agrarpolitik bei Mellifera e.V.

Im mit fast hundert Teilnehmern vollbesetzten Saal der Imkerei ging es überaus lebhaft zu. Anlass der Podiumsdiskussion war der Good Food March, der an diesem Tag bei Mellifera e.V. Station machte. Bei der europaweiten Aktion für eine faire und nachhaltige Lebensmittel- und Landwirtschaftspolitik ziehen engagierte Bürger derzeit quer durch Europa nach Brüssel. Die Imkerei von Mellifera stand auf dem Tourprogramm, weil Bienen mit zu den ersten gehören, die von den Entwicklungen der Landwirtschaft betroffen sind – und weil Imkermeister und Mellifera-Vorstand Thomas Radetzki mittlerweile ein bekannter Kämpfer für eine gentechnikfreie Landwirtschaft ist. „Bienen sind ein Seismograph für die Entwicklung der Landwirtschaft“, so Radetzki in seiner Begrüßung. „Wir als Imker wollen unseren Bienen eine Stimme geben.“

Das Podium war mit Politikern von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke sowie mit Vertretern der Imker- und Bauernschaft und des Handels gut besetzt. Dementsprechend kontrovers waren die vertretenen Meinungen – sowohl bei den Rednern auf dem Podium als auch in der Diskussion mit den Besuchern. Ein heißes Thema war die Förderung der Biomasse auf dem Acker, die offenbar niemand so richtig will. Dennoch werden immer mehr Maismonokulturen angebaut. „Wenn schon Biogas, dann kann man das auch bienenfreundlich als Blühfläche gestalten“, meinte Walter Haefeker, Vorsitzender des Europäischen Berufs- und Erwerbsimkerverbands. „Die ureigenste Aufgabe der Landwirtschaft ist die Ernährung der Menschen“, stellte Christian Reutter, Vorstandsmitglied des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg, klar. „Aber wir bewegen uns in einem Spannungsfeld. Es gibt auch Leute, die sagen, auf einen Bauern mehr oder weniger kommt es nicht an.“ Unterschätzt wird dabei allerdings nicht nur die Sicherung der Ernährung, sondern auch die Bedeutung der Bauern für die Landschaftspflege, wie die EU-Abgeordnete Elisabeth Jeggle, CU, und Grünen-Politiker Martin Hahn gleichermaßen deutlich machten. Das Ziel einer qualifizierten Agrarpolitik müsse eine angemessene Bewirtschaftung sein. Doch Jeggle schränkte auch ein: „Viele ökologische Flächen in Baden-Württemberg sind im Besitz der Kommunen, darauf haben wir keinen Einfluss.“ Dennoch meinte SPD-Vertreter Klaus Käppeler: „Baden-Württemberg steht mit seiner kleinteiligen Landwirtschaft noch verhältnismäßig gut da und ist auch für die Bienen gar nicht so schlecht. Und zum Glück hat sich bei uns auch der Gedanke der gentechnikfreien Zonen durchgesetzt.“

Für Überraschung sorgte die Feststellung eines Zuhörers, dass EU-Fördergelder für die Landwirtschaft auch an Konzerne wie Nestle, Südzucker, BASF oder Allianz gehen. Dass dem so ist, bestätigte Karin Binder, Die Linke: „Das sind die Großgrundbesitzer, die ihr Land an die Bauern verpachten.“ Die Folge ist, dass zwei Drittel der Direktzahlungen der EU an die Landwirtschaft gar nicht bei den Bauern ankommen.

Es ist jedoch zu einfach, die Verantwortung für die Entwicklung in der Landwirtschaftspolitik nur den Politikern in Brüssel zuzuschieben. Einig waren sich alle, dass den Bürgern hier eine sehr wichtige Rolle zukommt. „Wir wünschen uns, dass der Verbraucher mehr Verantwortung übernimmt“, sagte Sabine Franz von den B2-Biomärkten in Balingen und Rottweil. Die Förderung regionaler Anbauer sei nicht nur eine Frage des Umweltbewusstseins und der Fairness, sondern gewährleiste auch Ernährungsautonomie und sorge darüber hinaus für ein Heimatgefühl. Sie sieht eine wesentliche Aufgabe des Handels in der Aufklärung. "Wenn es in einem Jahr mangels Bestäubung wenig Kirschen gibt, informieren wir unsere Kunden darüber.“ Denn auch der Naturkostkunde habe sich gewandelt, sei anspruchsvoller geworden und wolle jederzeit alles haben.

Und wie geht es nun tatsächlich weiter mit der EU-Agrarpolitik? Hier plauderte die EU-Abgeordnete Elisabeth Jeggle aus dem Brüsseler Nähkästchen: „Fakt ist, dass wir zehn Milliarden Euro weniger zu verteilen haben. Ziemlich sicher ist auch, dass die Landwirte, die nicht zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft bereit sind, weniger Geld bekommen werden.“

Damit wäre eine wichtige Forderung der deutschen Imkerverbände zumindest teilweise erfüllt. Sie haben kürzlich in einer gemeinsamen Resolution verlangt, Bauern nur noch bei effizientem „Greening“ Direktzahlungen zukommen zu lassen.

05.09.2012

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Mellifera e.V.